Mal ehrlich: Gehören Sie zu den Menschen, die erst lange überlegen müssen, wann sie Ihr Haustier das letzte Mal entwurmt haben? Oder zu denjenigen, die exakt wie eine Stechuhr die Wurmtablette einwerfen? Denken Sie sich: Ach, solange ich keine Würmer im Kot sehe, sind auch keine da? Oder entwurmen Sie „nach Gefühl“, ohne so recht zu wissen, ob das passt? Atmen Sie auf- hier erfahren Sie das Vorgehen, das genau zu Ihnen und Ihrem Vierbeiner passt! Natürlich wie immer bei uns auf der Grundlage des heutigen medizinischen Wissensstandards.
Die Ansteckungsquellen für parasitäre Infektionen sind vielfältig: Über die orale Aufnahme von Wurmeiern. Direkt vom trächtigen Muttertier über die Gebärmutter. Nach der Geburt über die Milch beim Säugen. Über Ektoparasiten wie zum Beispiel Flöhe, oder über die Aufnahme von Zwischenwirten wie Schnecken und anderen Wirbellosen. Vor allem Jungtiere und vorerkrankte Vierbeiner können durch Parasiten stark geschwächt werden. Aber auch bei gesunden, erwachsenen Haustieren kann eine unbehandelte, länger andauernde Infektion zur Erkrankung führen. Zusätzlich sind viele Parasiten auch auf den Menschen übertragbar, so dass eine Entwurmung auch direkt dem Schutz des Menschen dient.
Rund- und Bandwurmeier sind so klein, dass wir sie mit bloßem Auge nicht erkennen können. Das heißt leider nicht, dass sie nicht da sind, und damit eine potentielle Ansteckungsquelle darstellen. Wer mehr über die Verbreitung von Wurmeiern in städtischen Umgebungen wissen will, der wird hier fündig.
Warum möchten wir eigentlich einen Parasitenbefall bei unseren Haustieren vermeiden?
Als vor ein paar Jahren in der Grundschulklasse meiner Tochter Kopfläuse auftraten, kam sie zunächst sehr besorgt zu mir und fragte, ob diese Läuse denn gefährlich seien und sie krank werden würde. Ich konnte ihr damals die Angst nehmen und ihr versichern, dass sie absolut nichts zu befürchten habe. Schlau wie sie ist, hinterfragte sie natürlich sofort, warum denn dann die betroffenen Kinder sofort den Unterricht verlassen müssen und erst nach einer wirksamen Behandlung wieder dabei sein dürfen. Und warum alle Kinder kontrolliert werden müssten, wenn die Läuse eigentlich gar nicht schlimm sind. Wenn ich an dieses Gespräch zurück denke, verspüre ich sofort das Verlangen, mich am Kopf zu kratzen…
Aber ernsthaft, Parasiten sind nicht lediglich ein kosmetisches oder hygienisches Problem. Sie leben auf oder in ihrem Wirt und ernähren sich beispielsweise von Blut oder Gewebe. Flöhe verursachen häufig starken Juckreiz und Hautreizungen. Bei starkem Befall können insbesondere junge oder geschwächte Tiere durch den Blutverlust zusätzlich belastet werden. Manche Tiere reagieren außerdem allergisch auf Flohspeichel und entwickeln eine sogenannte Flohallergiedermatitis. Daneben können Flöhe den Gurkenkernbandwurm (Dipylidium caninum) übertragen und damit zu einem weiteren Parasitenbefall beitragen.
Zecken können beim Blutsaugen eine Vielzahl von Krankheitserregern übertragen- die bekannte Borreliose ist nur eine davon. Welche Erreger relevant sind, hängt unter anderem von der Zeckenart und der geografischen Region ab.
Würmer wie der Lungenwurm wandern während ihres Lebenszyklus durch die inneren Organe und verursachen hier Schäden und Entzündungen. Bei Hunden mit Auslandsreisen ist der Herzwurm (Dirofilaria immitis) gefürchtet, da er zu Herzversagen, Blutgerinnseln und Gefäßhochdruck führt.
Und last but not least sind viele Erreger sogenannte Zoonosen- auch der Mensch kann sich anstecken und erkranken. Parasitenschutz bei unseren Haustieren ist damit auch direkter Schutz für den Menschen, insbesondere für kleine Kinder, chronisch kranke und immunsupprimierte Personen.
Wer weitergehende Infos über die wichtigsten Parasiten unserer Haustiere möchte, dem sei die Seite Parasitenportal.de empfohlen.
Möglichkeiten der Entwurmung

Parasiten halten sich entweder im Körper des Wirtes (z.B. Würmer) oder auf der Körperoberfläche (z.B. Zecken, Flöhe, Milben) auf. Antiparasitika sind Arzneimittel, die einem Befall mit Parasiten entgegenwirken. Häufig wirken diese Verbindungen auf Strukturen ein, die spezifisch bei Nicht-Wirbeltieren wie Würmern vorkommen oder in so niedriger Dosierung wirken, dass sie für Wirbeltiere kaum gefährlich sind. Zugelassene verschreibungspflichtige Präparate haben daher ein günstiges Wirkungs-/ Nebenwirkungsprofil. Nichtsdestotrotz (und das werden Sie in jedem meiner Beiträge lesen, bei denen es um Medikamente geht): Jedes wirksame Medikament kann potentiell unerwünschte Nebenwirkungen haben, und nicht jedes Präparat wird von jedem Individuum gleich gut vertragen.
Substanzklassen von Antiparasitika
Viele Antiparasitika kann man folgenden chemischen Verbindungsklassen zuordnen:
- Avermectine: wirken gegen Endo- als auch Ektoparasiten
- Benzimidazole und Imidazothiazole (Levamisol): wirken gegen Endoparasiten
- Salicylsäure-/Phenolderivate/Benzolsulfonamide: wirken gegen Endoparasiten
- Organophosphatverbindungen und Pyrethroide: wirken gegen Ektoparasiten
- Avermectine (einschließlich Milbemycine wie Moxidectin): wirken gegen Endoparasiten
Es gibt eine fast unerschöpfliche Vielfalt an Präparaten zur Entwurmung. Die Präparate, die wir in unserer Praxis führen, haben wir unter den Gesichtspunkten Wirksamkeit, Verträglichkeit und Kosten ausgewählt. Die meisten Präparate sind verschreibungspflichtig. Sie können daher nur an eigene Kunden abgegeben werden, die zumindest einmal jährlich ihr Tier in unserer Sprechstunde vorstellen. Dies kann, muss aber nicht im Rahmen der Impfung geschehen. Insbesondere bei Welpen, chronisch kranken Tieren, Futtermittelallergikern oder Tieren mit sogenanntem MDR1-Defekt sollten Sie sich bei uns fachkundig beraten lassen. So können wir gemeinsam herausfinden, welches Präparat das Beste für Ihre Fellnase ist.
Verabreichungsarten
Für die Verabreichung kommen folgende Möglichkeiten in Frage:
- Spot on (Flüssigkeit, die auf die Haut aufgetropft wird)
- (Kau-)Tablette
- Welpen: Saft
- Injektion beim Tierarzt
Die Verabreichungsform ist bei der Wirksamkeit nicht relevant, ein Spot on-Präparat ist, richtig angewendet, also genauso wirksam wie eine Tablette. Sie können sich alleine danach entscheiden, welche Verabreichungsform für Sie und Ihr Tier am praktikabelsten ist. Viele Katzenbesitzer schätzen zum Beispiel die Möglichkeit, auf eine Tabletteneingabe bei ihrer Samtpfote verzichten zu können, wenn dies weniger Stress für alle Beteiligten bedeutet.
Das Europäische Expertenkonsil
Wie bei vielen medizinischen Prozeduren wird das Vorgehen auch bei dem Thema Entwurmung immer individueller. Es wird nicht mehr jedes Tier, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, nach genau dem gleichen Schema entwurmt. Moderne Empfehlungen sehen sich individuell das Risiko des einzelnen Tieres an, sich eine Parasiteninfektion einzufangen. Es macht eben einen Unterschied, ob ich einen Hund habe, der mit Vorliebe die Häufchen anderer Artgenossen frisst. Oder ob es sich um eine reine Wohnungskatze handelt, die nur Dosenfutter zu sich nimmt. Bis hierher macht das Sinn, oder?
Die Kehrseite der Medaille: Dieses individuelle Risikoprofil macht das Ganze natürlich komplizierter als früher, als alle gleich behandelt wurden. Viele Haustierbesitzer stellen sich deshalb die Frage, was denn jetzt eben speziell in ihrem Fall sinnvoll ist. Empfehlungen im Internet finden sich viele, leider oft von Laien, die es wahrscheinlich gut meinen, aber nicht immer gut raten.
Wir haben nun das Glück, eine europäische Vereinigung namens ESCCAP (European Scientific Counsel Companion Animal Parasites) zu haben. Mittlerweile sind 19 Länder in dieser Vereinigung vertreten. Sie besteht aus VeterinärparasitologInnen- also ausschließlich Fachleuten-, die ein Ziel haben: Tier und Mensch vor einem Parasitenbefall und dessen Folgen zu schützen. In Deutschland ist ESCCAP ein eingetragener Verein. Ein solcher Verein kann nur durch Sponsoren qualitativ hochwertige Arbeit leisten. Er möchte aber natürlich dadurch nicht dem Vorwurf Angriffsfläche bieten, die Empfehlungen seien nicht unabhängig oder neutral. ESCCAP macht seine Sponsoren daher sehr transparent. Die Mitglieder rotieren laut Satzung außerdem turnusmäßig. Alle 6 Jahre findet so eine komplette Neubesetzung statt.
Wichtig zu wissen: Wurmkuren wirken nur an dem Tag der Verabreichung, nicht prophylaktisch in die Zukunft (wie Impfungen). Ein Tier kann sich bereits am nächsten Tag mit infektiösen Wurmeiern wieder anstecken. ESCCAP rät demnach nach individuellem Risiko zu entwurmen: Je größer das Risiko, desto häufiger sollte entwurmt werden. Das heißt konkret:
Geringes Risiko: Reine Hauskatze, kein Freigänger
Auch reine Hauskatzen können sich mit Wurmeiern anstecken. Die mikroskopisch kleinen klebrigen Wurmeier sind monatelang in der Umgebung lebensfähig und können an Schuhsohlen, Kleidung und Taschen mit in die Wohnung gebracht werden. Eine Untersuchung der Tierärztlichen Hochschule Hannover ergab zum Beispiel, dass 20 % (!) aller stationär behandelten Katzen der Klinik, die mit dem Spulwurm Toxocara infiziert waren, laut Angabe ihrer Besitzer reine Wohnungskatzen waren.
Empfehlung: Entwurmung 1-2 mal pro Jahr
Mittleres Risiko: Katzen mit Freigang, Hunde mit (zumindest gelegentlichem Kontakt) zu Artgenossen
Empfehlung: Alle 12 Wochen
Studien haben gezeigt, dass eine Entwurmung nicht seltener als alle 3 Monate durchgeführt werden darf, wenn eine erkennbare Minimierung der Risiken gewünscht ist.
Merke: Mindestens alle 3 Monate entwurmen
Hohes Risiko: Hier besteht unbedingt Handlungsbedarf
Je höher das Risiko für Tier und Mensch, desto häufiger muss ich entwurmen. Wann liegt denn jetzt ein hohes Risiko vor?
- Sehr viel Kontakt zu Artgenossen (Urlaubspension, Zwingerhaltung, Besuch von Ausstellungen oder Wettkämpfen)
- Jagdlich geführte Hunde; Freigänger-Katzen, die erfolgreich Beutetiere jagen
- Tiere, die mit rohem Fleisch ernährt werden (keine Durcherhitzung für 10 Minuten bei 65°C Kerntemperatur oder Einfrieren länger als 1 Woche bei -17 bis -20°C)
- Tiere, die gerne den Kot anderer Tiere fressen
- Kleine Kinder, chronisch Kranke, immunsupprimierte Menschen im Haushalt
Nach einer Ansteckung dauert es ungefähr 4 Wochen, bis das Tier erwachsene Spulwürmer im Darm hat und infektiöse Eier ausscheiden kann. Häufiger als alle 4 Wochen zu entwurmen ist daher nicht sinnvoll.
Merke: Alle 4 bis alle 12 Wochen entwurmen
Was ist bei der Entwurmung von Welpen zu beachten?
Welpen können sich bereits im Mutterleib oder nach der Geburt über die Muttermilch mit Würmern infizieren. Und gerade die Kleinen sind auch besonders gefährdet: Ein Wurmbefall kann zu schwerwiegenden Erkrankungen führen. Daher sollten Welpen alle 2 Wochen bis zum Absetzen mit einem geeigneten Präparat entwurmt werden, im Alter zwischen 3 und 6 Monaten noch monatlich, und danach nach dem „Erwachsenenprotokoll“ je nach individuellem Risiko (siehe oben).
Ich möchte aber meinem Tier keine Medikamente geben, wenn es nicht sein muss
Ich verstehe, dass niemand seinem Tier unnötig Medikamente geben möchte. Da bin ich ganz bei Ihnen. Das Risiko einer Medikamentengabe und damit auch das Risiko von unerwünschten Nebenwirkungen muss gegen das Risiko eines Wurmbefalls abgewogen werden. Bedenken Sie bitte, das ein nicht behandelter, über einen längeren Zeitpunkt bestehender Befall mit Parasiten durchaus auch Folgen für die Gesundheit Ihres Tieres haben kann. Darüber hinaus kann es in diesem Fall die Parasiten auch weiter verbreiten, was ebenfalls ein Risiko für andere Tiere und auch für Sie und andere Menschen darstellen kann.

Hier sollte erwähnt werden, dass es neben dem routinemäßigen Entwurmen noch die Möglichkeit gibt, den Kot parasitologisch untersuchen zu lassen, und nur im Fall eines Parasitennachweises zu entwurmen. Wenn Sie dieses Vorgehen bevorzugen, sollte diese Untersuchung in derselben Frequenz durchgeführt werden wie die routinemäßige Entwurmung, siehe oben.
Folgendes muss man in diesem Fall jedoch bedenken: Parasitologische Kotproben sind nur eine Momentaufnahme, ein negatives Ergebnis schließt nicht aus, dass nur wenige Tage später infektiöse Wurmeier ausgeschieden werden können. Außerdem ist keine Laboruntersuchung 100% exakt, insbesondere bei Bandwürmern kann in seltenen Fällen auch ein negatives Untersuchungsergebnis vorkommen, obwohl eine Infektion vorliegt. Gerade Bandwürmer wie Echinococcus sind aber eine besondere Gefahr, da wir laut Robert-Koch-Institut in unserer Region Risikogebiet sind und dieser Bandwurm sehr schwere bis sogar tödliche Erkrankungen auch bei uns Menschen hervorrufen kann.
Unser hochgeschätzter Kollege Ralph Rückert aus Ulm beleuchtet dieses Thema aus seiner eigenen Sicht in einem seiner früheren Blogbeiträge, den Sie bei Interesse hier finden.
Der Fuchsbandwurm (Echinokokkus)
Die Infektion mit dem Fuchsbandwurm, die Echinokokkose, ist eine der bedeutendsten parasitären Erkrankungen der nördlichen Hemisphäre und verläuft unbehandelt häufig tödlich. Hauptwirt sind Füchse, aber auch Hunde und Katzen. Menschen können sich durch das Streicheln infizierter Hunde oder Katzen aufgrund von infektiösen Eiern im Fell anstecken, aber auch durch den Verzehr ungewaschener Waldfrüchte und –pilze oder durch den Kontakt mit kontaminierter Erde z.B. bei der Gartenarbeit.
Fatal ist die Verlaufsform der sogenannten alveoläre Echinokokkose, bei dem die Bandwurmlarven ein tumorähnliches, infiltratives Wachstum in Leber, Lunge und Gehirn zeigen. Betroffene Menschen sind meist leider nicht mehr zu retten. Im Jahresreport des European Centre für Disease Prevention and Control (ECDC) für das Jahr 2020 kamen von 529 in Europa nachgewiesenen Echinokokkus-Infektionen beim Menschen 152 Meldungen aus Deutschland. Hiervon entfielen 46 Meldungen auf eine nachweisliche Infektion mit dem Fuchsbandwurm Echinococcus multilocularis- kein anderes europäisches Land hatte eine so hohe Fallzahl. Hinzu kommt, dass etwa zwei Drittel der Fälle einer humanen alveolären Echinokokkose in Deutschland nicht gemeldet werden (Jorgensen et al. 2008: Underreporting of human alveolar echinococcosis, Germany. Emerg Infect Dis 14 (6): 935-937)
Fazit
Wie fast immer im Leben: es gibt nicht den einen Weg nach Rom. Lassen Sie uns das Thema Parasitenprophylaxe zusammen individuell betrachten und einen Fahrplan erstellen, damit sowohl Ihr vierbeiniger Freund geschützt bleibt als auch wir Menschen, die wir heute so eng mit unseren Fellnasen zusammen leben. Wichtig ist nur, sich mit dem Thema auseinander zu setzen und wirklich etwas zu tun!
Bleiben Sie uns treu, bis zum nächsten Mal!



